Rituelle Gewalt, QAnon und der Verfassungsschutz

Beim Verfassungsschutz ist von ritueller Gewalt weniger die Rede, sondern vielmehr von Verschwörungstheorien, die mit einem rechtsextremistischen Umfeld in Verbindung gebracht werden.

Eine der beobachteten Verschwörungstheorien ist von der Gruppe QAnon. QAnon behauptet eine einflussreiche, weltweit agierende, satanische Elite würde Kinder entführen, foltern und ermorden um Adrenochrom aus deren Blut zu gewinnen. Das gewonnene Adrenochrom würde zur Herstellung eines Verjüngungsserums genutzt.

So schreibt der Verfassungsschutz in seinem Bericht “Fortschreibung des Lagebildes Antisemitismus” folgendes:

Anschaulich lassen sich die Kernelemente des QAnon-Komplexes anhand der Aussage des rechtsextremistischen Verschwörungsinfluencers Oliver Janich verdeutlichen:
 

„Also das ist diese satanische Elite von der ich schon seit Jahren spreche. […] Also wir wissen ja sicher, […] dass Kinder gefoltert werden und dann Persönlichkeiten abspalten also schizophren werden. Und es kann eben sein, dass das Adrenochrom dann sozusagen befördert, dass diese Menschen, diese Kinder aus Schutz verschiedene Persönlichkeiten entwickeln können. Und das benutzt die satanische Elite dann als Droge. […] Das heißt, da werden satanische Rituale an Kindern durchgeführt, die dann ihre Persönlichkeiten abspalten. […] Darauf angesprochen, welche Gruppen es sind, die da hinter stecken, weigern sie sich das zu sagen, weil ihr Leben sonst in Gefahr wäre. Es geht also offensichtlich um hochrangige Persönlichkeiten, denn nur diese sind in der Lage, diese Verbrechen zu begehen ohne dabei erwischt zu werden, weil sie das Justizsystem offensichtlich kontrollieren. […] Und vielleicht muss ich dazu sagen: Das sind keine Menschen die das machen. […] Aber darum geht’s: Den satanischen Abschaum vom Antlitz dieser Erde zu tilgen.“

(Quelle: Fortschreibung des Lagebildes Antisemitismus, Seite 60f)

Diese Aussagen zeigen starke Parallelen zur Rituellen Gewalt / Mind-Control These, die allerdings ebenso von offiziellen Regierungsstellen propagiert wird. Die satanischen Kulte werden nicht direkt benannt, sind jedoch nicht zu übersehen, wenn man sich mit der betreffende Lektüre auseinandersetzt.

Konkrete Beispiele sind die Gremien um das Amt der Unabhängigen Missbrauchsbeauftragten (UBSKM), insbesondere die Stelle der Bundeskoordinierung Spezialisierter Fachberatung (BKSF), die Aufarbeitungskommission (UKASK), der Nationale Rat gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen sowie das Portal Wissen-Schafft-Hilfe.org.

Bundeskoordinierung Spezialisierter Fachberatung (BKSF)

Die Bundeskoordinierung kommt so zu folgender Erkenntnis …

In manchen Strukturen sind Familien generationenübergreifend eingebunden. Es erfolgt eine frühkindliche Bindung an Täter_innen, Gruppe und Ideologie. Hinzu kommt ein Schweigegebot. Aussteigende werden unter Druck gesetzt, erpresst und verfolgt.  
Organisierte und rituelle Gewaltstrukturen können eine umfassende Kontrolle und Ausbeutung von Menschen durch Mind-Control-Methoden beinhalten. Die planmäßig wiederholte Anwendung schwerer Gewalt erzwingt spezifische Dissoziation bzw. eine gezielte Aufspaltung der kindlichen Persönlichkeit. Die entstehenden Persönlichkeitsanteile werden für bestimmte Zwecke trainiert und benutzt. Ziel dieser systematischen Abrichtung ist eine innere Struktur, die durch die Täter_innen jederzeit steuerbar ist und für die das Kind und später der Erwachsene im Alltag keine bewusste Erinnerung hat.

(Sexualisierte Gewalt in organisierten und rituellen Gewaltstrukturen, Seite 5)

Aufarbeitungskommission

In einem von der Aufarbeitungskommission veröffentlichtes Forschungsprojekt, sind an mehreren Stellen ähnliche Aussagen vorzufinden:

Diese „gezielte Aufspaltung“ diene über verbundene Konditionierungen (auch Programmierungen genannt) einer erleichterten Steuer- und Kontrollierbarkeit der betroffenen Personen. Weitere Berichte beschrieben, dass die Täter:innen die Konditionierungen der gespaltenen Anteile nutzen, um Betroffene für Zwangsprostitution und -pornografie zu „verkaufen“.”

(Seite 6)

Es wurde auch berichtet, dass Täter:innen durch massive Traumatisierungen im frühen Kindesalter strategisch Dissoziative Identitätsstörungen und Gedächtnisstörungen erzeugen, um die entstandenen abgespaltenen Persönlichkeitsanteile nutzbar zu machen. Der Nutzen liege in einer an bestimmte dissoziative Identitäten gebundenen, psychisch antrainierten Verhaltenslenkung.
[…]
Die extreme Gewalteinwirkung der Täter:innen kann bei den Betroffenen eine Dissoziative Identitätsstörung hervorrufen. Den Berichten zufolge ziehen Täter:innen strategischen Nutzen aus der Herbeiführung dieser Störungen, indem sie Kontrolle über abgespaltene Persönlichkeitsanteile der betroffenen Person ausüben. So können sich etwa bestimmte Anteile im Alltag unauffällig verhalten oder seien den Täter:innen gegenüber loyal und können helfen, eine Aufdeckung der Täter:innen-Strukturen zu verhindern.

(Seite 9f)

Die Beteiligung satanistischer Gruppierungen wurde mit 49% besonders oft genannt; religiöse Sekten wurden mit 19% seltener berichtet ebenso wie rassistische, rechtsextreme und faschistische Gruppierungen mit jeweils 12%.  
[…]  
Mehr als 91% der Teilnehmer:innen der Befragung bestätigten, dass infolge der biografisch frühen und wiederholten Gewalt dissoziative Persönlichkeitsanteile entstanden sind. Dabei gab mehr als die Hälfte an, dass die dissoziativen Persönlichkeitsanteile von Täter:innen über Gewaltanwendung gezielt erzeugt wurden.”

(Seite 13)

Die beschriebene komplexe Symptomatik der Betroffenen überfordert meist auch das Hilfesystem und das psychosoziale Fachpersonal, zumal dieses auf besondere Probleme wie spezifische dissoziative Aufspaltungen, den Einsatz von Ideologien und anhaltende Gewalterfahrungen kaum vorbereitet ist.

(Seite 14)

Auch bei ritueller Gewalt wird die Justiz als Hindernis zur Aufklärung betrachtet. So liest man in der Zusammenfassung des Forschungsprojekts:

In diesen Kategorien wurden drei involvierte Personengruppen abgebildet, die systemisch miteinander interagieren: die Täter:innen, die betroffenen Personen und das weitere Umfeld, wie etwa das persönliche Umfeld der Betroffenen, die Justiz und die Gesellschaft.

(Seite 8)

Andere Personen, die zu einer verhinderten Aufdeckung von ORG-Strukturen beitrugen, waren laut den Berichten im direkten Umfeld der Betroffenen (z.B. Therapeut:innen, Lehrer:innen, Freunde, passive Familienmitglieder), aber auch in Teilen der Gesellschaft zu finden (z.B. in der Justiz). In allen Umfeldern wurde eine vielschichtige Ignoranz (d.h. eine Missachtung durch Unkenntnis, bis hin zu einer Missachtung trotz Kenntnis) gegenüber den Betroffenen sowie allgemein gegenüber dem Thema ORG berichtet. […] Strukturelle Aspekte der Justiz und ihrer Verordnungen wirken weiterhin auf eine Verschleierung von Gewaltstrukturen hin, so die Berichtenden.

(Seite 10)

Nationaler Rat

Der Nationale Rat übernimmt in seiner Ausarbeitung “Verständigung gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen” Annahmen der Bundeskoordinierung der Fachkreise, speziell des Fachkreises “Sexualisierte Gewalt in organisierten und rituellen Gewaltstrukturen”:

Es erfolgt eine frühkindliche Bindung an Täterinnen und Täter, Gruppe und Ideologie. Hinzu kommt ein Schweigegebot. Aussteigende werden unter Druck gesetzt, erpresst und verfolgt. Organisierte und rituelle Gewaltstrukturen können eine umfassende Kontrolle und Ausbeutung von Menschen durch Mind-Control-Methoden beinhalten. Die planmäßig wiederholte Anwendung schwerer Gewalt erzwingt spezifische Dissoziation bzw. eine gezielte Aufspaltung der kindlichen Persönlichkeit. Die entstehenden Persönlichkeitsanteile werden für bestimmte Zwecke trainiert und benutzt. Ziel dieser systematischen Abrichtung ist eine innere Struktur, die durch die Täterinnen und Täter jederzeit steuerbar ist und für die das Kind und später der/die Erwachsene im Alltag keine bewusste Erinnerung hat.

(Seite 80)

Wissen-Schafft-Hilfe.org

Die Seite Wissen-Schafft-Hilfe.org wurde mit Unterstützung des Amts der Unabhängigen Missbrauchsbeauftragten ins Leben gerufen. Träger ist der Hilfsverein N.I.N.A. e.V.

Häufig wird berichtet, dass es Gruppen im Kontext von organisierten sexualisierten und rituellen Gewaltstrukturen darauf anlegen, solche psychischen > Traumafolgesymptome bei betroffenen Personen in der frühen Kindheit strategisch zu erzeugen (1)   Das Ziel soll sein, die Betroffenen in Bezug auf verschiedene von den Tatpersonen erwünschte Verhaltensweisen steuern zu können (9). Berichten zufolge könnten Tatpersonen durch sogenannte „Befehle“ beziehungsweise Reize diverse automatisierte Reaktionsmuster bei den Betroffenen immer wieder strategisch abrufen.

(Quelle: https://wissen-schafft-hilfe.org/informationen-fuer-alle/manipulation-und-programmierung)

Berichte von Betroffenen legen nahe, dass Tatpersonen im Kontext von organisierter sexualisierter und ritueller Gewalt das Phänomen der Dissoziation strategisch ausnutzen. Berichtet wird, dass sie durch die systematische Anwendung von Gewalt die Entstehung dissoziativer Persönlichkeitsanteile fördern. In anderen Worten: Die Tatpersonen würden wissen, wie Dissoziation funktioniert und setzten systematisch Gewalt ein, damit Persönlichkeitsanteile entstehen.

(Quelle: https://wissen-schafft-hilfe.org/informationen-fuer-alle/dissoziative-identitaetsstrukturen)

Hilfe-Telefon berta (N.I.N.A. e.V.)

Speziell zur Unterstützung bei organisierter sexueller und ritueller Gewalt, wurde mithilfe des UBSKM das Hilfe-Telefon berta eingerichtet.

Dort werden die bisherigen Definitionen übernommen und wiedergegeben:

Programme und Programmierung, Mind Control   Organisierte Gewaltstrukturen funktionieren über eine umfassende Kontrolle und Ausbeutung von Menschen durch Mind-Control-Methoden. Die planmäßig wiederholte Anwendung schwerer Gewalt erzwingt Dissoziationen und bewirkt gezielt eine Teilung der kindlichen Persönlichkeit. Die entstehenden Persönlichkeitsanteile werden für bestimmte Zwecke trainiert und benutzt. Ziel dieser systematischen Abrichtung ist eine innere Struktur, die durch die Täter und Täterinnen jederzeit steuerbar bzw. abrufbar ist und an die das Kind und später die/der Erwachsene im Alltag keine bewusste Erinnerung hat.

(Quelle: Ein Leitfaden für den Ausstieg (Stand 23.08.2023), Seite 14)

Dieser Leitfaden kann inzwischen nur noch per E-Mail angefordert werden, ist allerdings in einer Version aus dem Jahr 2021 auf deren Webserver abgelegt.

Bundesfamilienministerium

Diese Ausarbeitungen fanden in der Vergangenheit regelmäßig ihren Weg in die Arbeit des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ). Sei es einfach nur als Wiedergabe von Informationsmaterial, als auch zur Ausgestaltung von Aktionsplänen und Hilfsangeboten.

Außer dass es bei Ritueller Gewalt nicht um Adrenochrom geht, welches tatsächlich vom menschlichen Körpern produziert wird, sind die Unterschiede zur QAnon-Theorie äußerst marginal.

Während solche Aussagen durch den Verfassungsschutz als verschwörungstheoritisch eingeordnet werden, sind nahezu identische Aussagen in den Arbeiten des Bundesfamilienministeriums als Fakt auffindbar. Dieser Unterschied ist problematisch, da nicht beide Ämter gleichzeitig richtig liegen können, wenn sie eine nahezu gleichen Sache unterschiedlich einordnen.

Quellen